20 Glaubensfragen an Pfarrerin Julia Schnizlein

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Julia Schnizlein: Also ich glaube, da gibt es nicht so die eine Antwort. Grundsätzlich widersprechen sich Kirche und Feiern nicht und der Fasching hat ja auch so seine Wurzel im Christentum. Das sieht man schon am Namen Fastnacht, also die Nacht vor dem Fasten, vor der Fastenzeit, vor der Passionszeit oder Karneval. Das kommt auch aus dem Lateinischen und heißt also Fleisch wegnehmen, auf Fleisch verzichten. Also Fasching, diese Zeit vor der Fastenzeit und Fastenzeit gehören zusammen. Und ich finde es durchaus legitim, da mal richtig auf den Putz zu hauen und zu feiern. Und auch dieses in verschiedene Rollen schlüpfen und ja, auch vielleicht mehr Hierarchien anprangern und Dinge auf den Kopf zu stellen, das halte ich für etwas sehr Evangelisches. Also Lei Lei!

Julia Schnizlein: Also Krapfen esse ich grundsätzlich gar nicht so gern, mal ehrlich gesagt. In Österreich sind die ja immer mit Marillenmarmelade oder Erdbeermarmelade und in Deutschland mit Hagebutten Marmelade. Und wenn man das einmal gegessen hat, geht da nix drüber. Also esse ich eigentlich eher wenig Krapfen. Fasten tue ich aber trotzdem. In der Fastenzeit werde ich versuchen, weitestgehend auf Alkohol zu verzichten. Das mache ich jedes Jahr. Und dann nehme ich wieder teil an dieser Aktion der Evangelischen Kirche: Sieben Wochen ohne. Dieses Jahr, sieben Wochen ohne Stillstand. Also einfach auch mal diese Zeit zu nutzen, ein bisschen zu reflektieren, was, was blockiert uns, was hemmt uns? Wo möchte ich vielleicht auch mal ausbrechen? Was möchte ich ändern? Und dazu die Impulse. Da gibt es ja auch vom evangelischen Wien eine tolle Mitmach Aktion über Zoom, Sieben Wochen ohne eben genau da bin ich dabei.

Julia Schnizlein: Ich mag die Frage. Na ja, es war ja jetzt bei mir nicht eine Sichtweise ändern oder totale Kehrtwende, weil ich habe ja erst Theologie studiert und bin dann quasi auf Abwege gekommen in den Journalismus, um dann wieder zu den Wurzeln zurückzukehren. Aber klar gab es schon so ein Moment oder Momente. Also es hat auch was zu tun mit der Geburt meiner zweiten Tochter, die Elsa, die ist nur mit einem halben Herz zur Welt gekommen und ich denke, es ist immer so, dass diese Momente, die einen sehr erschüttern, oder diese Erfahrungen, die man macht, die einen halt auf das zurückwerfen, was was wichtig ist und was zählt. Und bei mir war es halt Gott und der Glaube, der mir da so halt gegeben hat, dass es mir dann wichtig war, das auch beruflich wieder in mein Leben zu integrieren. Und ja, insofern war dies Elsa vielleicht mein Luther Moment.

Julia Schnizlein: Ja, würde man das jetzt auf einen festen Tag festlegen, ein gewisses Datum, 1. April oder so. Dann hieße das ja auch, dass der Karfreitag nicht mehr Karfreitag ist, sondern vielleicht mal auf einen Dienstag fällt oder auf einen Mittwoch und der Ostersonntag auf einen Freitag. Und das will man nicht, das wollte man nicht. Die Ordnung, dass Ostern immer an jedem ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling stattfindet, die ist schon aus dem 4. Jahrhundert, vom Konzil von Nicäa. Da hat man das festgelegt. Und ich finde es sympathisch. Wir wissen, dass Weihnachten fix ist und Ostern ist jedes Jahr ein bisschen überraschend und ich mag es.

Julia Schnizlein: Ja, Rosalinde, ich kann dieses Gefühl verstehen. Ich kann es voll verstehen angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine und dass einfach Dinge passieren, die wir nie für möglich gehalten hätten. Und man fragt sich dann schon: Was bringen meine Gebete? Ich glaube, dass Gebete immer etwas bringen. Sie sind keine Wunsch Maschinerie. Es wird nicht so sein, dass ich um Frieden bete, und morgen ist er da. Aber ich glaube, dass jedes Gebet etwas macht und etwas bewirkt. Sei es mit mir, mit anderen. Und ich glaube an die Macht des Gebets. Und ich glaube, dass Gott diese Gebete hört. Und er hört vielleicht nicht immer so, wie wir es erhoffen, vielleicht auch nicht sofort, aber ganz sicher, dass er sie hört.

Julia Schnizlein: Ja, ob das benutzerfreundlich ist? Ich muss ja auch zugeben, manchmal kann ich es mir auch nicht alle ganz genau merken. Ich bin immer froh, wenn dann die Zeit nach Trinitatis ist und es ist erster, zweiter, dritter nach Trinitatis. Aber ich finde es durchaus doch auch charmant, dass die Sonntage lateinische Namen haben. Oft richten die sich ja auch nach dem nach den ersten Worten im Psalm, der zu diesem Tag gehört. Ich weiß nicht benutzerfreundlich, ich glaube, dass nicht mehr Menschen in die Kirche kommen, wenn man jetzt zum Beispiel den nächsten Sonntag Invokavit jetzt nennen würde: Hände weg vom Fleisch oder so. Also ich glaube, dass die Frage, wie diese Sonntage heißen, eigentlich nicht so wesentlich ist für die Benutzerfreundlichkeit. Aber ja, ich finde es eine liebe Frage. Ich glaube aber, umbenennen muss man sie nicht.

Julia Schnizlein: Ja, Norbert, das finde ich auch eine gute Frage. Und ich bemerkt es schon auch öfters, dass Menschen von unserer Liturgie irritiert sind, weil sie sie nicht kennen und nicht verstehen. Und es tut mir leid, wenn Liturgie Menschen abschreckt. Ich glaube, es liegt an uns, noch besser zu erklären, was wir da tun. Was ein Kyrie ist, was ein Gloria, warum wir das tun, was wir tun. Ich glaube auch wir als Stadtkirche, wo viele Menschen einfach mal vorbeikommen, auch Tourist*innen, da sollten wir wahrscheinlich noch mehr Handouts haben mit Erklärungen. Das nehme ich mit, es als Input. Ich glaube aber, dass es trotzdem wertvoll ist, solche Rituale zu haben und dass sie auch ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können, wenn man sie mal kennt. Man muss sich darauf einlassen. Und ich vergleiche das vielleicht mit mit dem Fußballstadion. Da geht es auch in jedem ein bisschen unterschiedlich zu. Und bei Rapid habe ich auch lange nicht verstanden, warum man eine Viertelstunde vor Ende aufsteht. Aber es macht Spaß, dann mitzumachen, wenn man mal verstanden hat, dass es so ist. Und ja, hat auch was.

Julia Schnizlein: Ja, Sabine, das habe ich neulich auch mit meiner Tochter besprochen. Die war nämlich ganz enttäuscht oder sogar fast entsetzt, als wir neulich mal geflogen sind und sie im Himmel weder Gott noch ihren Opa, der schon gestorben ist, entdeckt hat. Und ja, da habe ich ihr ein bisschen erklärt, dass das Problem mit dem Himmel in dem Gott ist. Das ist auch ein sprachliches Problem. Ein bisschen wie beim Wort Schloss. Das bei Schloss weiß man jetzt auch nicht. Wenn man ein Schloss kaufen will, geht man zum Schlosser oder zum Immobilienhändler. Und Himmel hat halt auch zwei Bedeutungen. Also Gott ist nicht unbedingt in diesem Blau über uns. Im Englischen hat man deswegen zwei Worte dafür Sky, das ist eben der Himmel über uns und Heaven, das ist der Ort, an dem Gott ist und der kann, ich weiß nicht über uns, unter uns, neben uns, in unserem Herz sein. Also der, ja, der ist vielleicht nicht nur einfach oben Weltall. Deswegen können auch die Satelliten Gott wahrscheinlich nicht orten.

Julia Schnizlein: Es ist nicht so, dass die Maria gar keine Rolle spielt. Wir sehen sie nur nicht so sehr als Heilige. Wir haben ja alle Heiligen mehr oder minder abgeschafft. Und deswegen sollte auch Maria nicht diese Rolle einer Übermutter zukommen. Aber ich finde, sie ist ein großes Vorbild. Auch für mich ein ganz großes Vorbild in ihrem Frausein, in ihrem Muttersein, in ihrem den Weg annehmen. Und wenn ich mir vorstelle, ein Kind wie Jesus gehabt zu haben, was das bedeutet hat, was sie da auch mitmachen musste und bereit war zu ertragen, das finde ich unheimlich berührend. Und insofern, als Maria spielt nicht keine Rolle, aber sie ist niemand, die zwischen Gott und uns steht.

Julia Schnizlein: Ja auch eine gute Frage. Ich denke ja. Und die Forschung geht eigentlich schon auch davon aus, dass die Wundergeschichten einen realen Ursprung haben, dass Jesus heilen konnte. Sicher wurde das dann auch übertrieben dargestellt oder auch es sind Wunder dazugekommen, die vielleicht so nicht stattgefunden haben. Dass er heilen konnte, heißt jetzt nicht unbedingt, dass er irgendwas Magisches hatte oder dass er ein Arzt war, sondern vielleicht kann man das eher erklären mit dem, was Psychosomatik so macht. Also Jesus ist zum Menschen hingegangen, die im Abseits standen, die andere alle schon aufgegeben hatten, die sie auch verachtet haben. Und er hat ihnen Respekt gegeben. Er hat ihnen die Würde wieder gegeben, hat sie wieder zurück mitten ins Leben geholt. Und wir wissen ja, dass Menschen, die sich selbst aufgeben, eigentlich auch keine Chance haben, geheilt zu werden. Und Jesus hat ihnen aber offensichtlich was zurückgegeben, was in ihnen dann auch vielleicht selbst Heilungsprozesse auslösen konnte, so erkläre ich mir das. Für mich ist klar, dass Jesu Wunder gewirkt hat.

Julia Schnizlein: Ich glaube, dass es ganz oft so, dass man Gott gerne die Sachen sagt, die nicht passen. Ist auch richtig so. So soll es sein. Die Psalmen sind auch nichts anderes. Man darf durchaus auch alles vor Gott bringen, was einen belastet. Das dankbar sein, danken können, das halte ich jetzt auch für etwas, was nicht unbedingt jeder gleich hat, von Natur aus. Das ist sicher eine Haltung dem Leben gegenüber, die man auch üben muss, üben kann. Es gibt da so ein wunderbares Beispiel dafür. Da wird gesagt,  dass man sich Bohnen in eine Hosentasche steckt und bei jedem Moment oder Gelegenheit, in der irgendwas Gutes passiert und man dankbar ist, sei es nur, dass der Busfahrer noch mal gehalten hat und noch hat rein springen lassen, nimmt man eine Bohne und steckt sie in die andere Tasche, also auf die andere Seite und abends schaut man dann, wie viele Bohnen das waren und erinnert sich noch mal aktiv an die Momente. Und so lernt man dann auch, diese Momente nicht einfach sofort wieder zu vergessen und zu übersehen. Und so kann man sich dankbar sein, auch anlernen.

Julia Schnizlein: Ja, ich habe es vorhin schon gesagt bei den Heilungswundern. Also ich weiß nicht, ob die Wunder so, oder ich glaube nicht, dass die Wunder so passiert sind alle wie sie in der Bibel dargestellt werden, auch wahrscheinlich nicht in ihrer Vielzahl. Ich glaube aber doch, dass Jesus wirklich eine wunderbare Gabe hatte, Menschen zu inspirieren und Menschen aktiv werden zu lassen. Und natürlich, wenn Menschen ihr Essen teilen, dann wird man wahrscheinlich nicht pappsatt. Aber ich kann mir vorstellen, dass da dann so eine, dass man so beflügelt war von einem gemeinschaftlichen, von dem Zusammensein, von dem Teilen an sich, dass man einfach glücklich und dadurch dann auch schon satt war. Also Jesus konnte Menschen motivieren, etwas zu tun, was ihnen geholfen hat.

Julia Schnizlein: Oh Kurt, ja, kann ich auch verstehen. Habe ich schon wirklich mancherorts immer wieder erlebt. Und ich glaube, wir bemühen uns einfach daran, dass es auch anders wird. Vielleicht schwungvoller Musik mit zum Teil mitmach Elementen. Kurt du hast völlig recht, dass unsere Gottesdienste natürlich zum Teil so angelegt sind, dass man bepredigt wird, still sitzt und dann wieder geht. Und das finde ich auch nicht gut so. Da können wir sicher auch zum Teil von Freikirchen was lernen oder auch aus dem Judentum muss einfach so viel fröhlicher und lustiger zugeht. Ja, ich nehme es mir zu Herzen.

Julia Schnizlein: Also es gibt Menschen, die wir bewundern, keine Frage. Und Luther war zu großen Teilen so jemand, Dietrich Bonhoeffer und viele mehr. Aber sie sind bei uns keine Menschen, die über anderen stehen, weil es das bei uns nicht gibt. Luther hat gesagt: Vor Gott sind eben alle Menschen gleich. Und wir brauchen keinen Mittelsmann, auch keine Mittelsfrau, die für uns bei Gott Fürbitte halten, sondern wir können direkt uns an Gott wenden. Und es gibt Gott und mich und mein Gewissen und mein Nächsten. Aber es gibt keinen Status dazwischen. Deswegen haben wir auch keinen Papst und deswegen sind auch unsere Geistlichen in keinem anderen Status, sondern normale Menschen.

Julia Schnizlein: Ja, Carolin, mag ich die Frage auch. Ich habe neulich ein gutes Buch gelesen von Jonas Goebel. Das ist ein Pfarrer in Hamburg, ein junger Pfarrer, der auch immer lustige Predigten schreibt, der ein Buch geschrieben, das heißt: Jesus, die Milch ist alle. Und da ziehen Jesus und Martin Luther bei ihm, beim Jonas im Pfarrhaus ein. Und Luther ist da die ganze Zeit dabei die evangelische Kirche zu kritisieren, zu reformieren und kommt eigentlich zum Schluss, wir sollten wieder mit den Katholiken zusammen gehen, würde ich so nicht unterschreiben. Aber ich mag die Idee und ich finde, die Idee war ja auch Ecclesia semper reformanda est. Also die Kirche soll sich immer wieder reformieren. Wir sollen natürlich immer wieder darüber nachdenken, reflektieren, was nicht gut läuft, uns besser machen.

Julia Schnizlein: Ja, ich weiß, worauf die Frage abzielt. Ich trage öfters ja so ein Kolarhemd. Das ist für mich kein katholisches Priester Gewand. Es ist von einer schwedischen Designerin. Das nennt sich Casual Priest und die entwirft gerade für Frauen solche Mode. Nachdem Frauen in der katholischen Kirche als Geistliche nicht gibt, ist es also kein für Katholikinnen entworfenes Gewand. Es ist auch keine Amtstracht. Ich trage dieses Kleid zum einen, weil ich es schön finde, zum anderen trage ich es, um erkannt zu werden in meinem Beruf, so wie vielleicht ein Arzt dann auch den weißen Kittel trägt oder so. Ich trage das natürlich nicht zu Amtshandlungen, da habe ich den Talar an. Aber ich trage es, wenn ich erkannt werden will, wenn ich mit Menschen ins Gespräch kommen will. Wenn ich bei einer Veranstaltung bin, in der ich nicht im kleinen schwarzen kommen möchte, sondern eben gerne als Frau, als Geistliche erkannt werden möchte. Und ich glaube, das, was uns von anderen Konfessionen unterscheidet, ist sicher nicht das Textil, sondern die Lehre.

Julia Schnizlein: Darüber muss ich nachdenken. Also erst mal danke für das Kompliment. Was ich niemals posten würde? Also ich versuche oder habe eigentlich immer versucht, meine Kinder weitestgehend rauszuhalten, nur weil meine große Tochter, die wird jetzt 12 jetzt selber am liebsten einen eigenen Insta oder Tiktok Kanal hätte, darf sie noch nicht. Deswegen möchte sie jetzt bei mir in Erscheinung treten und das finde ich eigentlich ganz süß. Wir haben neulich auch ein Tiktok zusammen gemacht. Es war wirklich lustig. Ich weiß nicht. Es gibt natürlich Tabus. Ich würde keine Bilder von Beerdigungen machen, auch sonst nichts, was Menschen irgendwie bloßstellt oder kompromittiert.

 

Julia Schnizlein:  Kann man sich je sicher sein? Also kann man sich sicher sein, dass es Liebe gibt oder Vertrauen oder Freundschaft? Also ja, kann man sich sicher sein, wenn man sie erlebt hat. Und ja, ich bin mir sicher, dass es Gott gibt, weil ich ihn erlebt habe.

Julia Schnizlein: Ja, auch das kann ich schon gut verstehen. Und Glaube heißt ja nicht, dass Zweifel nicht da sein dürfen. Glaube ist ja nichts, was sich nie verändert. Es ist ein bisschen wie Liebe und wenn ich es ernst nehme, dann finde ich es auch okay auch mein Glauben immer wieder zu hinterfragen und Zweifel ernst zu nehmen und nachzuspüren. Und natürlich habe ich oft gezweifelt, aber es hat mich nicht daran abgehalten zu glauben. Ich glaube, dass es Gott gibt, da bin ich ganz sicher. Dass ich manchmal mit ihm unzufrieden bin, ist was anderes, sage ich ihm dann auch. Ja, insofern auch die Zweifel haben sie Berechtigung und sich dadurch nicht abhalten lassen, davon zu glauben, dass es Gott gibt.

Julia Schnizlein: Es ist geklaut, aber ich mags. Es gibt einen Gott und ich bin es nicht.