20 adventliche Fragen an Vikarin Florentine Durel

Danke an alle Hörer*innen für die Fragen! Die Antworten auf die Fragen wurden automatisch transkribiert. Bitte den einen oder anderen Fehler zu entschuldigen! Danke!

Florentine Durel:  Eine Vikarin ist eine Pfarrerinnen in Ausbildung und ich finde, man kann das ganz gut mit einer Lehre vergleichen, bei der man so vorher auf der Uni schon ein bisschen was mitgebracht hat und die Theorie schon ein bisschen beherrscht. Aber mit dem Vikariat in die Praxis einsteigt. Das heißt, man beginnt mit kleineren Aufgaben, bis man dann einfach die Dinge tut, die ein Pfarrer oder eine Pfarrerin auch tun. Und begleitet wird das Ganze durch das Prediger*innen Seminar. Das heißt, dort wird die Praxis reflektiert und vertieft. Ich mag diese Position sehr und ich finde, wir dürfen ganz, ganz viel ausprobieren und tun, haben aber noch ein bisschen diesen Welpenschutz, wenn mal was nicht so gut läuft, wie es laufen sollte.

Florentine Durel: Da muss ich jetzt sehr auf die Schnarchnase aufpassen, weil ich könnte dazu sehr viel sagen. Ich finde die Vorstellung unglaublich schön, Menschen durch ihr Leben begleiten zu dürfen, also durch Höhen und Tiefen, in Gesprächen, in Begegnungen, in Taufen, Hochzeiten, Trauerfeiern. Und ich kenne keinen Beruf, in dem so eine lange Begleitung möglich ist, so das ganze Leben lang durch alles, was eben passiert. Außerdem finde ich, dass es viel zu wenig Orte für Glauben oder Spiritualität gibt. Dabei ist es für mich ein Thema, das unbedingt zum Menschen dazugehört und unglaublich wichtig ist. Und ich würde Menschen gerne solche Orte schaffen, an dem sie ihren Glauben oder ihre Spiritualität weiter gefasst ausleben können. In gerade in Gesprächen über den Glauben nähern wir uns doch dem Innersten des Menschen an. Es geht um unsere tiefsten Überzeugungen, unsere Zweifel, unseren Umgang mit Angst und Hoffnung. Und ich weiß, das klingt unglaublich kitschig, aber es ist für mich wirklich ein Geschenk, wenn mich Menschen hier in ihre Gedankenwelt, in ihre Glaubenswelt hineinlassen. Und ich darf mich mit anderen Menschen und durch meine Arbeit auch selbst auf die Suche nach meinen eigenen Antworten machen. Und das auf ganz unterschiedlichste Weise. Und unser Beruf ist unglaublich vielseitig. Ich bin ein Mensch, der Routine hasst und in diesem Beruf ist es super, weil kein Tag so wie der nächste ist. Und mir persönlich tut man evangelischer Glaube unglaublich gut und er gibt mir Hoffnung und das teile ich gerne mit anderen.

Florentine Durel:  Mein Projekt, was aber schon vor der Zeit angefangen hat, in dem ein Projekt starten sollte, ist ein Predigt Podcast und diese Idee ist entstanden innerhalb von ein paar Tagen. Das war eine sehr spontane Idee. Es war so, dass ich jeden Tag angefangen mit der U-Bahn nach Simmering zu fahren und dort sehr viel gesessen bin und mir dann oft die online Andachten angeschaut habe und mich das Bild dabei aber eher gestört hat in der U-Bahn, wenn man da nicht richtig hinschauen kann. Und in der Zeit hat mich eine Freundin gefragt, wo man denn unsere Predigten aus der Gemeinde eigentlich nachhören könnte. Und so ist die Idee entstanden, dass man Predigten bündelt, weil viele Gemeinden ihre Predigten auf ihren Homepages irgendwo veröffentlicht haben. Aber ich glaube, es ist für viele Hörer*innen eine große Hürde, sich die Zeit zu nehmen, die Homepage aufzusuchen, dann den Link zu finden und so weiter. Und es gibt so viele Predigtschätze, die unbedingt mehr Menschen zugänglich gemacht gehören, finde ich. Und so ist eben PredigtBar entstanden. Das heißt, jeden Dienstagabend erscheint eine Predigt von einem oder einer Predigenden, mittlerweile seit September aus ganz Österreich. Das heißt, ich habe einen großen Aufruf gestartet und es haben sich zum Glück sehr viele gemeldet, die dieses Projekt unterstützen wollen. Und mir war es dabei ganz wichtig, so vorzugehen, dass nicht ich mir die Leute aussuche, die mir gefallen oder zu mir passen oder so, sondern dass das ganze Spektrum an Ideologien oder Glaubensansichten, die es in unserer Kirche gibt, mit im Boot sind und gezeigt werden. Als Werbe Einschaltung: Der Podcast ist übrigens auf allen gängigen Podcast Plattformen zu finden, also von Spotify über Apple Podcast, Google Podcast ist alles dabei. https://predigtbar.simplecast.com/

Florentine Durel: Ich höre wirklich sehr, sehr viele Podcast und wirklich auch ganz quer durch alle Themenbereiche durch. Das geht von den Podcast der Zeit im Bild über die verschiedenen Formate des Standards oder der Zeit seit kurzem auch Terra X habe ich entdeckt. Oder Her-Story. Und unter Pfarrers Töchtern, denn kennen vielleicht ganz viele. Und ganz natürlich: evangelische Fragen – Evangelische fragen, das ist ja logisch.

Florentine Durel: Vielleicht ein Podcast, der in der evangelischen Welt noch nicht allzu bekannt ist. Das ist der Religions Podcast von Studio Omega. Mit dem Namen: Wer glaubt, wird selig. Die laden in jeder Folge wirklich spannende Gäste zu den verschiedensten Themen ein, die immer irgendwie einen Bezug zur Religion haben. Es gab eine Ordensschwester, die viele Jahre in Liberia war und über ihre Erfahrungen berichtet. Oder eine Frau, die von ihrem Umgang mit der Erkrankung ihres Mannes erzählt, bis hin zum Glauben von Sissi oder aktuellen Themen wie Kirche und LGBTIQ. Und auch evangelische Pfarrer*innen waren schon öfters eingeladen. Ich finde den sehr spannend wird.

Florentine Durel: Es ist nicht so einfach, aber ich würde sagen, die Nummer 18: Sieht die gute Zeit ist nah. Weil das Lied für mich die Freude und die Hoffnung ausdrückt, dass Gott zu uns kommt, uns ganz nahe ist und sein wird, und zwar jedem und jeder einzelnen von uns. Und es ist vor allem ein sehr, sehr fröhliches Adventlied. Und gerade jetzt brauchen wir die Hoffnung, dass eine gute Zeit kommen wird, ganz dringend, finde ich.

Florentine Durel: Advent kommt vom lateinischen Adventus und heißt so viel wie ankommen. Das heißt, Christinnen und Christen warten auf das Ankommen Gottes oder die Geburt Jesu in Bethlehem. Und wir zelebrieren diese Zeit sehr. Für mich geht es in dieser Zeit ganz stark um einen in sich gehen, wo spüre ich, dass Gott mir ganz nahe ist? Es ist eine Zeit zum Zeit nehmen für Besinnliches. Wann setzen wir uns sonst im Alltag mal hin und singen gemeinsam oder zurzeit vielleicht auch eher allein, Lieder, die uns oft seit unserer Kindheit begleiten? Oder wann nehmen wir uns Zeit, morgens beim Frühstück eine Kerze anzuzünden und kurz Pause zu machen, wie wir es beim Adventskranz tun? Und es ist so ein spannendes Abwarten. Wir wissen ja, was kommen wird, aber wir haben eben Zeit, uns darauf vorzubereiten,

Florentine Durel: Ja, das stimmt tatsächlich. Und zwar wurde der Adventskranz 1839 von Johann Hinrich Wichern erfunden. Er gilt als Gründer der Diakonie. Er gründete nämlich in einer Vorstadt Hamburgs eine sogenannte Rettungs Anstalt für Straßenkinder. Das waren mehrere kleine Häuser, in denen immer ein Erzieher und zwölf Burschen lebten. Später zog dann auch eine Mädchengruppe ein, die von Amanda Wichern begleitet wurde. Und um diesen Kindern die Zeit bis Weihnachten zu verkürzen, hat Johann Wichern ein Wagenrad aufgehängt, auf dem vier große Kerzen für die Sonntage und 20 kleine Kerzen für die Wochentage angebracht waren. So konnten die Kinder dann immer genau sehen, wie lange es noch dauert, bis endlich Weihnachten ist.

Florentine Durel:  Soweit ich weiß, ist das nicht ganz klar, wo das entstanden ist. Aber Vorläufer von unserem Adventskalender sind im 19. Jahrhundert zu finden. Es ging wie beim Adventskranz auch da darum, für Kinder die Zeit bis Weihnachten zu verkürzen und diese abstrakte Zeit irgendwie greifbar zu machen. In dieser Zeit entstehen ganz unterschiedliche Arten von dieser dargestellten Zeit. Zum Beispiel wurden in manchen Familien 24 weihnachtliche Bilder an die Wand oder ans Fenster gehängt. Oder 24 Kreide Striche wurden an die Schranktür gemalt und jeden Tag wurde ein Strich weggewischt. Ich habe auch gelesen, dass es katholische Gegenden gab, in denen die Kinder jeden Tag, wenn sie auch eine gute Tat begangen hatten, einen Strohhalm in die Krippe legen durften, damit die Krippe dann bereit ist für das Jesuskind. Oder es gab sogenannte Himmelsleitern. Jeden Tag durften Kinder das Jesuskind eine Sprosse weiter nach unten setzen. Irgendwann wurden dann auch sogenannte Weihnachts Uhren gedruckt und schließlich eben auch Adventskalender aus Papier, bei denen ein Bildchen hinter jedem Fenster ist, so wie wir es heute kennen. Das heißt, diese ganzen Ideen sind in ähnlichen Zeiten entstanden. Es ist also nicht so einfach zu wissen, was zuerst war. Aber vielleicht erklärt es auch, warum es heute so viele verschiedene Adventkalender gibt.

Florentine Durel: Ja, ich habe tatsächlich einen Adventkalender. Und zwar den gleichen, den ich als Kind schon hatte, den mir meine Mama immer noch befüllt. Es wurde selbst gestickt, ein kleines Christkind auf einem großen blauen Stoff und da hängen kleine Pakete dran für jeden Tag.

Und dieses Jahr gibt es verschiedene Online Adventskalender, die ich mir jetzt auch anschaue, zum Beispiel den der Evangelischen Kirche. Und mit unserem Team der Glaubenskirche durften wir gleich den ersten Beitrag für das erste Türchen machen. https://www.youtube.com/watch?v=FBS9A9SA6jM&list=PLKL-DuguhgkquGT8x2-F3D-bKoqbfsOq0

Florentine Durel:  Das ist leider wirklich schwierig zu beantworten, wer der wirkliche Nikolaus war. Es fehlen uns nämlich historisch verlässliche Quellen, zumindest habe ich keine gefunden. Aber der Legende nach geht der Nikolaus, wie wir ihn heute kennen, auf Nikolaus von Myra zurück. Allerdings vermischen sich die Legenden auch mit Nikolaus von Sion, der im 6. Jahrhundert Abt im Kloster von Sion nahe Myra war. Auf jeden Fall sagt die Legende, dass er als Sohn reicher Eltern sein Vermögen an die Armen der Stadt weitergegeben hat. Vor allem half er einigen Frauen, indem er heimlich Geld durch Fenster oder durch den Kamin warf. Vielleicht sogar direkt in die darin aufgehängten Socken. So sagt die Legende. Und so hatten die Frauen eine ausreichende Mitgift, konnten heiraten und wurden vor der Prostitution bewahrt. Auf diese Geschichte gehen wahrscheinlich auch die Bräuche zurück, wie wir sie heute kennen. Und eine weitere Geschichte erzählt, wie er seine Gemeinde vor einer Hungersnot bewahrt hat, indem er den Kaiser bat, Getreide von einem Schiff abladen zu dürfen, um es an die Hungernden verteilen zu können. Und dieses Getreide soll nicht und nicht weniger geworden sein und für zwei Jahre für alle gereicht haben.

Florentine Durel: Ein bisschen gemischt die Legende, dass er sein großes Vermögen geteilt hat, an die diejenigen, die keines haben, finde ich schön. Und er steht für mich für einen ganz wichtigen Aspekt einer funktionierenden Gemeinschaft oder Gesellschaft. Die Figur des Nikolaus steht für mich für Fürsorge. Anderen eine Freude machen und sein Einsetzen für soziale Gerechtigkeit. Und ich glaube, solche Persönlichkeiten tun uns unglaublich gut, weil sie uns an Ideale erinnern oder in uns in unserem Verhalten aufrütteln. Was mir allerdings wirklich schwer fällt, ist die Figur eines Nikolaus, der mit seinem goldenen Buch kommt und die Kinder fragt, ob sie brav gewesen sind in diesem Jahr. Ich glaube, das schürrt bei Kindern Ängste, die einfach nicht sein müssen.

Bernd Gratzer: Denn alles, was ihr habt getrieben, in einem Buch steht geschrieben!

Florentine Durel:  Genau das ist doch gruselig für ein Kind.

Florentine Durel: Nein, zu mir ist er nicht gekommen. Vielleicht würde ich Ihnen heute anders sehen, aber ich sehe das ein bisschen ähnlich wie mit dem Nikolaus. Ich tu mir sehr schwer mit schwarzer Pädagogik. Ich glaube, da werden Konflikte, die eigentlich in der Verantwortung von Eltern oder Erwachsenen liegen würden, einfach umgangen, indem man eine fiktive Person zum Bösen Bestrafer macht. Außerdem passt es in mein evangelisches Weltbild nicht, dass wir für unsere Fehler bestraft werden müssen. Wir kommen doch ganz egal, in welchem Alter wir sind, aber wir kommen viel weiter, wenn wir über Fehler nachdenken und Vergebung erleben, als wenn durch Kohlestücke oder Rutenschläge oder Geschenksentzug noch mehr Wut erzeugt wird.

Florentine Durel:  Diese liturgischen Farben, die man zum Beispiel durch das Parament am Altar sieht, zeigen die verschiedenen Abschnitte im Kirchenjahr. Sie machen den Charakter des jeweiligen Sonntags sichtbar. Weiß wird zum Beispiel für die großen Christus Feste verwendet, also für die Weihnachts- und die Osterzeit. Die weiße Farbe bündelt alle anderen Farben und steht so für das Vollkommene, für Wahrheit und Ewigkeit und steht so in Verbindung mit Christus. Und deswegen ist auch nicht Schwarz die Farbe des Ewigkeitssonntag, sondern eben weiß. In Erinnerung an die Auferstehung. Violett hingegen ist die Farbe der Stille und der Besinnung. Und deswegen wird sie auch jetzt im Advent und dann später in der Passionszeit verwendet. Rot ist die Farbe des Feuers oder der Liebe, der Gemeinschaft und so auch des Wirkens des Heiligen Geistes. Sie wird daher an Festen verwendet, die besonders die Gemeinschaft ins Zentrum rücken. Also Pfingsten, am Reformationsfest, an Konfirmationen oder besonderen Festen in den Gemeinden. Schwarz wird zu Beerdigungen und an Karfreitag verwendet. Für alle anderen Sonntage werden grüne Elemente verwendet. Grün als Farbe der Hoffnung.

Florentine Durel: Ich glaube, Weihnachten ist tatsächlich das Fest, bei dem Christinnen und Christen auf der ganzen Welt irgendwie dasselbe feiern. Insofern gibt es da, soweit ich weiß, keine allzu großen Unterschiede. Höchstens vielleicht in der Form des Gottesdienstes oder der Messe. Wir feiern alle die Geburt Jesu Christi, aber nicht im Sinne von, wenn wir schon in Tod und Auferstehung feiern, müssen wir die Geburt schon auch feiern, sondern ich würde sagen, wir feiern Weihnachten, weil mit der Geburt Jesu eine neue Zeit angebrochen ist. Etwas Großes hat sich in der Welt und für uns verändert. Durch Jesus Christus haben wir einen neuen Bezug zu Gott kennengelernt, einen Weg, um die Nähe Gottes zu spüren, eine neue Hoffnung auf die Ewigkeit und vielleicht auch einen neuen Weg des gemeinschaftlichen Lebens. Im Weihnachtsfest wird für mich klar, dass Gott kein, unter Anführungszeichen, abgehobenes Wesen ist, das mit uns nichts zu tun haben will, sondern Gott ist Teil unseres Lebens, unserer Welt geworden. Ist uns Menschen so nahe gekommen, wie es nicht mehr gehen könnte. Gott hat das Leiden, aber eben auch die Freude selbst erfahren und versteht uns dadurch. Also an Weihnachten kommen unglaublich viele Aspekte für mich zusammen.

Florentine Durel: Das verstehe ich sehr gut. Mir fehlt das Gemeinsame auch sehr und ich finde es eine ganz andere Erfahrung. Advent eher als etwas zu feiern, was in uns selbst stattfindet, ohne die anderen. Und ich merke selbst, wie viel ich gerade Zeit zum Nachdenken habe. Und wir können noch einmal ganz anders überlegen, was diese Zeit für uns ganz persönlich bedeutet. Ich glaube, Advent ist nämlich viel mehr als Gemeinschaft. Advent ist dann eine Art inneres Vorbereiten auf das Kommen oder das Dasein Gottes. Und vielleicht geht das alleine doch auch ganz gut. Die Kirche geht ziemlich unterschiedlich damit um. Die Gemeinden leben das Recht individuell aus, je nach Gemeinde Situation. Unser Presbyterium in unserer Gemeinde hat beschlossen, die Gottesdienste erst einmal auszusetzen. Aus Solidarität gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Dafür bieten wir aber gerade eine große Vielfalt an Videomaterial und Online-Angeboten und verstärkt persönliche Seelsorge an! Andere Gemeinden feiern Gottesdienste, meist dann unter Kontrolle der 3G oder 2G Regeln. Zum Teil finden auch Gottesdienste über Zoom, Signal, Telegram oder andere Plattformen statt. Und es gibt, wie vorher schon erwähnt, eben digitale Adventkalender. Ich glaube, ich traue mich zu behaupten, dass wirklich jeder und jeder irgendetwas finden kann, weil viele Gemeinden dieser Zeit sehr, sehr kreativ geworden sind.

Florentine Durel: Zur Zeit ist man Advent Ritual, einfach nur das Anzünden der Kerzen am Adventskranz zum Frühstück. Aber dafür nehme ich mir wirklich kurz Zeit und halte kurz inne, bevor ich mich in die Morgen Vorbereitung stürze. Und natürlich das Öffnen des Advent Kalenders. Und ganz wichtig für mich nach und nach das Schmücken der Wohnung. Bei mir fängt es ganz klein an mit so kleinen Sachen, die sich verstecken, bis dann zu Weihnachten die Wohnung wirklich nach Weihnachten aussieht. Vor der Pandemie waren es natürlich verschiedene Adventsingen in der Gemeinde, mit der Familie oder mit Freunden. Das fällt dieses Jahr eben ein bisschen weg.

Florentine Durel: Irgendwie schon, aber es liegt doch auch in der Verantwortung von jedem einzelnen von uns, sich dieser Hektik zu entziehen. Für Arbeitshektik können wir vielleicht nicht immer was, für unseren Freizeitstress aber schon. Vielleicht muss ich ja gar nicht zu jedem Weihnachts- oder Advent Feier gehen. Ich persönlich erspare mir zum Beispiel den Geschenke Stress, in dem es für alle selbstgemachte Pralinen gibt. Ich weiß, dafür muss ich mir im Dezember einen Tag Zeit nehmen. Aber ich renne nicht von einem Geschäft ins nächste und erspare mir so wirklich viel  Hektik im Advent. Und ja, es ist nicht einfach, einer Besinnung, wie Sie sagen, abzusagen oder Freunden zu sagen, ich war schon bei zwei Feiern, jetzt reicht’s mir aber gerade der Advent ruft uns ja dazu auf, uns Zeit zu nehmen. Und es ist die Gelegenheit im Jahr, uns daran zu erinnern, Pausen einzulegen. Die Adventszeit sollte im Idealfall einen Kontrast zum restlichen Jahr sein. Und ich glaube, es gibt verschiedene Arten der Besinnung. Besinnung heißt vielleicht nicht nur eine Zeit der Stille wahrnehmen, sondern sich auch auf das zu besinnen, was einem besonders wichtig ist und sich genau dafür Zeit nehmen. Und wenn es bei dem einen die vielen gemeinsamen Feiern feiern sind, dann ist auch das eine Art Besinnung. Aber dazu gehört dann natürlich auch, nein sagen zu können zu den Dingen, die für uns nicht so wichtig sind.

Bernd Gratzer: Ein lieber Freund zu mir hat das mit den Geschenken vor ein paar Jahren so gelöst, dass er allen seiner Verwandten einen Erlagschein geschenkt hat, den er in seinem Namen für den guten Zweck eingezahlt hat. Eine sehr nette Geste. Er wollte nicht mehr rumlaufen und sich irgendetwas ausdenken. Er hat sich aufgeschrieben, wie viel würde ich für jeden ausgeben? Und genau diesen Betrag hat er in seinem Namen an eine gute Organisation gespendet.

Florentine Durel: Es ist eine sehr schöne Idee anstatt Geschenken, die vielleicht eh keiner braucht.

Florentine Durel: Vielleicht, indem wir uns auf einen anderen Aspekt des Wartens konzentrieren. Es stimmt natürlich, im Alltag heißt Warten meistens so was wie Ich verschwende meine Zeit oder ich bekomme etwas nicht, was ich jetzt haben will oder so ähnlich. Aber Warten im Advent ist eigentlich, finde ich doch was ganz anderes. Wir wissen ja, was wann kommen wird. Weihnachten kommt am 24. Dezember, egal was rundherum passiert, das ist irgendwie klar. Die Unsicherheit, die sonst oft beim Warten mitschwingt, fällt weg. Im Vordergrund steht also die Vorfreude auf das, was kommen wird. Vielleicht auch die Sehnsucht nach diesem besonderen Weihnachts Gefühl. Und wenn wir uns darauf konzentrieren, dann ist das Warten etwas total Positives. Wenn Kinder vor dem Adventkalender stehen, dann sind sie vielleicht ungeduldig, aber freudig ungeduldig. Sie können es kaum erwarten, dass Weihnachten wird. Aber sie sind eben nicht genervt ungeduldigt, weil sie auf etwas warten müssen, was zu langsam geht. Wie die Schlange bei der Kassa.

Florentine Durel: Ich habe vor kurzem erst ein Gedicht kennengelernt, aber das lese ich gerne vor. Es ist von Hermann Hesse:

Ich sehn‘ mich so nach einem Land
der Ruhe und Geborgenheit
Ich glaub‘, ich hab’s einmal gekannt,
als ich den Sternenhimmel weit
und klar vor meinen Augen sah,
unendlich großes Weltenall.
Und etwas dann mit mir geschah:
Ich ahnte, spürte auf einmal,
daß alles: Sterne, Berg und Tal,
ob ferne Länder, fremdes Volk,
sei es der Mond, sei’s Sonnnenstrahl,
daß Regen, Schnee und jede Wolk,
daß all das in mir drin ich find,
verkleinert, einmalig und schön
Ich muß gar nicht zu jedem hin,
ich spür das Schwingen, spür die Tön‘
ein’s jeden Dinges, nah und fern,
wenn ich mich öffne und werd‘ still
in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
der all dies schuf und halten will.
Ich glaube, daß war der Moment,
den sicher jeder von euch kennt,
in dem der Mensch zur Lieb‘ bereit:
Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit!